Du befindest dich im Archiv: Oktober, 2007

Rezension: Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage (Frank Jöricke)

Mein liebestoller Onkel, mein kleinkrimineller Vetter und der Rest der Bagage Frank Jöricke präsentiert romanhaft eine witzige Zeitreise durch die verschiedenen Dekaden der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte. Wie sich die schräge Verwandschaft des Protagonisten durchs Leben schlägt, spiegelt die Einflüsse der jeweiligen gesellschaftlichen Ereignisse und Entwicklungen auf äußerst kurzweilige Weise. Seien es die Studentenunruhen, die Ölkrise oder das Aufkommen des Feminismus, Daily Soaps oder die Maueröffnung, alles Anlässe für den Erzähler, mit abgeklärt-kompromisslosem Blick die schrullige Bagage, die sich Verwandschaft nennt, bei ihrem bunten Treiben zwischen Zeitgeist und Fettnäpfchen zu beobachten. Es entstehen typische Charakterbilder skurriler Normalos, die sich tapfer durchs Reihenhausleben schlagen: Onkel, Tante, die Eltern, die sich mit ihrer späten Scheidung “um viele schöne getrennte Jahre” gebracht haben …

In jedem Jahr gibt es Ereignisse, die sich nicht nur in den alljährlichen Jahresrückblicken wiederfinden, sondern an die man sich auch noch Jahre später erinnert. Und nicht nur das, bei besonders tragischen oder bedeutenden Ereignissen weiß man auch noch ganz genau, was man zu dem Zeitpunkt gemacht hat, als man davon erfuhr. Frank Jöricke nimmt den Leser mit zu den Großereignissen der letzten 40 Jahre (angefangen in seinem Geburtsjahr 1967 bis ins Jahr 2003) und erzählt von den privaten Geschehnissen, die parallel in seiner Familie passierten. „Am Tag als…“ so beginnt jedes Kapitel, in dem von den skurrilen, aber liebenswerten Familienmitgliedern berichtet wird, die man im Laufe der Jahre ins Herz schließt und in denen man sich oder eigene Verwandte oder Bekannte in manchen Szenen – nicht zuletzt wegen des herrlich authentisch beschriebenen Zeitgeistes der einzelnen Jahre – durchaus wiedererkennt. Das Gerüst der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse wird mit Amüsantem, aber auch Traurigem gefüllt, das die Ereignisse auf der Weltbühne verblassen lassen kann. „Mein liebestoller Onkel,…“ ist ein origineller und zugleich ironischer wie liebevoller Roman einer etwas anderen Zeitreise, in der Schmunzeln und Kopfschütteln sich abwechseln und der sich fast wie von selbst liest. Im Anhang werden die einzelnen Ereignisse jeden Jahres noch einmal aufgegriffen und sind mit einem Tipp zum Weiterlesen, -schauen, -hören versehen, was das Lesevergnügen ideal abrundet. Bitte mehr davon!

Rezension: Und plötzlich guckst du bis zum lieben Gott (Markus Lanz)

Und plötzlich guckst du bis zum lieben Gott Sein Motto: Es gibt immer Alternativen. Sein Rat: Das Leben zum Genuss machen. Seit Horst Lichter regelmäßig im Fernsehen präsent ist, zeigt seine Lebenslinie steil nach oben: Nach Kochen bei Kerner erhält er mit Lafer! Lichter! Lecker! ganzjährig eine eigene Kochshow im ZDF zur besten Sendezeit. Doch Horst Lichter war auch schon mal ganz unten: zwei Hirnschläge, ein Herzinfarkt, der frühe Verlust eines Kindes. Davon erzählt dieses Buch. Und davon, wie es der Lebenskünstler geschafft hat, wieder auf die Beine zu kommen. Markus Lanz, Redaktionsleiter und Moderator der RTL-Sendung Explosiv©, hat sich mit Horst Lichter in die klösterliche Abgeschiedenheit der Bergwelt Südtirols zurückgezogen, um der Lebensgeschichte und dem ganz eigenen Lebensprinzip von Horst Lichter auf die Spur zu kommen.

Horst Lichter ist ein Original, keine Frage. Und das nicht nur wegen dem auffälligen Schnäuzer und den karierten Hosen, sondern weil er weder Sterne-Auszeichnung noch eine Hightech-Küche braucht, um seine Gäste und Zuschauer zu begeistern. Horst Lichter ist keine Figur, sondern ein Persönlichkeit, und zwar eine sehr viel komplexere als die des Klassenclowns in Kerners Kochshow. In seiner Biographie, von RTL-Reporter Markus Lanz geschrieben, erfährt der neugierige Leser mehr über die rheinische Frohnatur und seinen Werdegang, der alles andere als geradlinig, dafür umso spannender, aber auch tragischer verlief. Markus Lanz schreibt wie er spricht, der einfache, aber angenehme Plauderton mit dem ein oder anderen Wortspiel und kleinen, aber nicht gemeinen Seitenhieben auf die sich selbst zu wichtig nehmende Society und Medienlandschaft, ist eine gute Wahl für die Lebensgeschichte eines Horst Lichter, der auch stets einen flotten Spruch auf den Lippen und das Herz auf dem rechten Fleck trägt. Nach der Lektüre, die aufgrund der wirklich großen Schrift und der zahlreichen (schönen!) Fotos, nicht viel Zeit in Anspruch nimmt, mag man Lichter mit anderen Augen sehen, doch ganz sicher mit noch größerer Sympathie ihm gegenüber und dem Bedürfnis, Lichters Oldithek unbedingt selbst einmal besuchen zu müssen. Für die Netto-Textmenge von ca. 80 Seiten sind 19,90 Euro sicher ein stolzer Preis, aber Lichter-Fans oder solche, die es werden wollen, sollten sich diese sehr persönlichen Einblicke nicht entgehen lassen!

1 neue Rezension

Für die vollständige Rezension und weitere Infos einfach auf den Titel klicken!

Der Menschen dunkles Sehnen – Susan Hill
Ein absolut empfehlenswerter typisch britischer und doch “anderer” Krimi, den alle lieben werden, die fein gezeichnete Charaktere und subtile Spannung einem blutigen und actionreichen Thriller vorziehen!
Note: 1

Rezension: Der letzte Harem (Peter Prange)

Der letzte Harem Konstantinopel, 1909. In der verborgenen Welt des Harems träumen Fatima und Eliza von ihrer Zukunft. Während die eine alles daransetzt, zur Favoritin des Sultans aufzusteigen, sehnt sich die andere nach einem Leben jenseits der Palastmauern, nach Liebe und Freiheit. Dann aber zerbricht das Osmanische Reich – und außerhalb des Serails wartet auf die Freundinnen eine Welt, in der ihre Träume zu Alpträumen werden …
Es ist die Geburtsstunde der modernen Türkei, Revolution und Krieg überziehen das Land. Sultan Abdülhamid wird ins Exil verbannt, sein Harem aufgelöst. Im Palast bleiben Hunderte Frauen schutzlos zurück, auch Fatima und Eliza. Was ist ihr Kismet, das Schicksal, das ihnen vorherbestimmt ist? Auf sich allein gestellt, müssen die Freundinnen lernen, sich in der fremden Wirklichkeit zu behaupten. Da treten zwei ungewöhnliche Männer in ihr Leben: Felix, ein Arzt aus dem fernen Deutschland, und Taifun, ein Offizier der neuen Regierung. Gelingt es der Liebe, eine Brücke zu bauen zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Zukunft? Während das Land in Flammen aufgeht, droht ihre Leidenschaft den einzigen Halt zu zerstören, der den jungen Frauen geblieben ist: ihre Freundschaft.

Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die Geburtsstunde der modernen Türkei – diese historische Epoche hat sich Peter Prange für seinen neuen Roman „Der letzte Harem“ ausgesucht und er entführt den Leser hier mitten hinein in eine für Westeuropäer fremde Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der junge Mädchen entführt wurden, um in die Haremsschule verschleppt, auf das Dasein als eine von vielen Geliebten, im besseren Fall als eine der Favoritinnen oder gar der Ehefrauen des mächtigen Sultans vorbereitet zu werden. In diesem hermetisch abgeschlossenen Mikrokosmos sind Machtkämpfe und Intrigen an der Tagesordnung, jede der Frauen versucht, die für sie beste Position zu erlangen. Und während sich mitten im Harem zwei Freundinnen um ein gutes Kismet bemühen, zerfällt draußen das Osmanische Reich und mit ihm die jahrhundertealten Traditionen und Werte, um neue Ideen zu verwirklichen – und das um jeden Preis…
Peter Prange zeichnet seine Figuren klar und authentisch, sie erwachen vor dem geistigen Auge des Lesers zum Leben und lassen ihn mitfühlen und mitleiden. Vor dem politischen Hintergrund einer zerrissenen Gesellschaft wird der Begriff der Freiheit neu definiert und auf gewisse Weise auch in Frage gestellt, wenn die Freiheit des Einzelnen in Elend und Tod endet. Und doch ist „Der letzte Harem“ auch eine Geschichte über Mut und Freundschaft und über die Freiheit als Chance, die – wenn die Menschen es zulassen – ein Neuanfang für ein besseres Leben sein kann. Menschliche Sehnsüchte und Abgründe werden schonungslos aufgedeckt, so dass am Ende ein unangenehmes Gefühl zurückbleibt, das sich jedoch keineswegs auf den Roman, sondern auf die hier beschriebenen Ereignisse bezieht. „Der letzte Harem“ ist ein packender und schmerzhafter Roman über zwei Frauen, die in einer unmenschlichen Situation ihren Weg zu gehen versuchen und empfehlenswert für alle Liebhaber historischer Romane, die es schätzen, wenn bei dem Lesen Fragen aufgeworfen werden, die zum Nachdenken und zur weiteren Beschäftigung mit den hier beschriebenen historischen Ereignissen anregen.

Rezension: Lea und Luca – Das Tor zur Wahrheit 1 (Martin Grothe)

Lea und Luca - Das Tor zur Wahrheit 1. Der Fluch der sagenumwobenen Insel Lea und Luca – zwei Kinder mit besonderen Kräften – werden zum Spielball einer jahrhundertealten Verschwörung. Ausgerechnet an dem Abend, als Lea von zu Hause ausreißen will, erscheint ein rätselhafter Fremder an der Tür und verändert ihr Leben von Grund auf. Ihr Vater wurde entführt! Luca, ein Waisenjunge auf der sagenumwobenen Insel Yleumonia, gilt urplötzlich als Hochverräter. Wem kann er noch vertrauen?! Das Schicksal der beiden Kinder ist verbunden durch ein magisches Band – und eine uralte Legende. Wer von ihnen ist auserwählt, die Welt vor einer Invasion durch Drachenritter zu retten? Die beiden müssen ihre übersinnlichen Fähigkeiten entwickeln. Aber auch deren dunklen Verlockungen widerstehen.

Lea und Luca sind zwei Kinder, die nichts voneinander wissen, aber beide über außergewöhnliche Kräfte verfügen und die irgendein altes Geheimnis verbindet. Aufgewachsen in unterschiedlichen Welten geraten sie in einen Kampf zwischen Gut und Böse, der nicht nur ihr Leben, sondern die ganze Welt bedroht.
Martin Grothe hat mit dem ersten Band über Lea und Luca, dessen Ende nicht abgeschlossen ist, sondern nahtlos an den nächsten – noch nicht erschienenen – Band anknüpfen soll, eine spannende und actionreiche Geschichte vorgelegt, in der es von Fabeltieren, guten und bösen Magiern und geheimnisvollen Orten nur so wimmelt.
Sprachlich ist der Roman sicherlich ausbaufähig, zu hastig und abrupt werden die einzelnen Handlungsstränge, die konsequent zwischen Lea und Luca wechseln, erzählt, so dass die Geschichte nicht als sprachlich rund bezeichnet werden kann. Nicht zuletzt deswegen leidet auch die Komplexität der Charaktere, die vor allem damit beschäftigt sind, den sich beinahe überschlagenden Ereignissen hinterher zu laufen. Hier wäre ein wenig mehr Ruhe oder Pausen im Handlungsablauf wünschenswert gewesen, in denen die Figuren Zeit haben, ihre vielschichtige Persönlichkeit zu zeigen, für die sich einige Charaktere sehr gut eignen. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich hierbei um einen Debütroman handelt, darf man auf die Fortsetzung gespannt sein, die laut Angaben auf der zugehörigen Internetseite noch in diesem Jahr erscheinen soll. Denn mich hat die Geschichte um die beiden Kinder Lea und Luca trotz der erwähnten Unstimmigkeiten neugierig gemacht und ich würde zu gerne wissen, wie sie sich weiter entwickelt und vor allem, wie die offenen Fragen und Handlungsstränge gelöst werden.

3 neue Rezensionen

Für die vollständige Rezension und weitere Infos einfach auf den Titel klicken!

Wenn Papageno für Elise einen Feuervogel fängt – Martin Geck
[…] wer einen Einblick in die Musikgeschichte sucht, der die großen Zusammenhänge und Entwicklungen plastisch schildert und mit einigen Anekdoten gespickt neugierig auf die Welt der Musik und ihre großen Komponisten macht, für den ist Papageno, der für Elise… genau das richtige Buch!
Note: 2

Mein fast perfektes Leben – Jonathan Tropper
Wunderbare Unterhaltung für alle traurigen, wütenden, zynischen, liebenden Menschen und jene, die glauben, nur ihre eigene Familie wäre verrückt!
Note: 2

Wellen – Eduard Graf von Keyserling
Keyserling lockt den Leser mit seinen detailreichen und bildhaften Beschreibungen der Wellen, Dünen, Wolken und des Meeres und weckt die Sehnsucht nach dem Meer, die aus jeder Zeile spricht. Doch leider blieb mir die Hauptfigur der Gräfin Doralice seltsam fremd […]
Note: 3