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Aktuell: Tod im Hexenwinkel – John Dickson Carr

hexenwinkel1. Band der Dr. Gideon Fell-Reihe

Der schwergewichtige Amateurdetektiv Gideon Fell, Privatgelehrter und Biertrinker aus Passion, entlarvt mit Scharfsinn, sarkastischem Humor und unerschütterlichem Gleichmut die finsteren Pläne eines Mörders, der sich eine englische Familiensaga zunutze macht.

Meine Rezension folgt in Kürze.

Neu im Bücherregal: Eine Familiengeschichte

chautauquaAbschied von Chautauqua von Stewart O’Nan

Emily Maxwells Mann ist gestorben. Nun soll das Sommerhaus am Lake Chautauqua im Staat New York verkauft werden. Ein letztes Mal trifft die ganze Familie dort zusammen – eine alte Tradition. Eine Woche Ruhe will man, aber die Harmonie ist brüchig, mit Emilys Tochter Meg, der Alkoholikerin, deren Bruder Ken, der beruflich vor dem Absturz steht, seinem schwierigen Sohn Sam und seiner Tochter Ella, die sich unversehens in ihre Cousine verliebt. Nicht zu vergessen: Rufus, der Hund, der ganz eigene Sorgen hat.

Neu im Bücherregal: 2 Krimis unterschiedlichster Art

verblendung

Verblendung von Stieg Larsson:

Was geschah mit Harriet Vanger? Während eines Familientreffens spurlos verschwunden, bleibt ihr Schicksal jahrzehntelang ungeklärt. Bis der Journalist Mikael Blomkvist und die Ermittlerin Lisbeth Salander recherchieren. Was sie zutage fördern, lässt alle Beteiligten wünschen, sie hätten sich nie mit diesem Fall beschäftigt.

und wanzeDie Wanze von Paul Shipton:

Wanze Muldoon ist ein Käfer und von Beruf Privatdetektiv. Was Scharfsinn und Coolness betrifft, steht er den berühmten Kollegen Philip Marlowe und Dick Tracy in nichts nach. Aus Langeweile nimmt er einen eher uninteressanten Fall an: Ein Ohrenkneifer ist spurlos verschwunden. Muldoon kann den Fall lösen. Und stößt bei seinen Nachforschungen auf jede Menge Ungereimtheiten. Erst als ihm jemand steckt, daß es geheime Verbindungen zwischen den Ameisen und den Wespen gibt, weiß Wanze Muldoon, daß dem Garten und seinen Insekten große Gefahr droht.

Rezension: Ein winziger Makel – Nancy Huston

makel Der sechsjährige Sol, die sechsjährige Erra: In wie unterschiedlichen Lebenswelten wachsen sie auf! Sol, verwöhnt, altklug und öfter im Internet unterwegs, als seine gluckenhafte Mutter erfahren darf, lebt in jenem Land, in dem “Gott mit Bush befreundet ist”. Erra, das glückliche Mädchen mit der Wunderstimme, das in Trümmern spielt, salutiert noch vor Adolf Hitler. Erra ist Sols Urgroßmutter. Über Generationen sind die beiden verbunden, und dennoch liegt in dieser Genealogie ein unentdecktes Geheimnis vergraben. Was ist etwa mit dem hässlichen Muttermal an Sols Schläfe, das er sich wegoperieren lässt? Was mit dem grenzenlosen Hass seines Vaters? Niemand setzt sich auf dieselbe Weise an den Tisch der Geschichte, und Lüge, Untreue und Verrat bestimmen die Art, wie sie in dieser Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es bleibt den aufmerksamen Kindern überlassen, die Brüche und Verwerfungen in den Erzählungen ihrer Eltern zu deuten.

Nancy Huston zeichnet mit „Ein winziger Makel“ Lebensausschnitte von vier Vertretern aufeinander folgender Generationen, zwischen denen ziemlich genau 20 Jahre Altersunterschied liegen. Bemerkenswert ist nicht nur die umgekehrte Reihenfolge, die sie vornimmt, also vom Jungen Sol im Jahr 2004 bis hin zu seiner Urgroßmutter, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland lebte, sondern auch der gewählte Lebensabschnitt. Der Leser begleitet alle Personen (Sol, sein Vater, seine Großmutter und seine Urgroßmutter) in einem Zeitausschnitt aus ihrem 6. bzw. 7. Lebensjahr und zwar aus deren eigener Perspektive.

Sprachlich anspruchsvoll, doch niemals anstrengend wird die Gegenwart 2004 so Stück für Stück aus der Vergangenheit heraus erklärt, langsam entfaltet sich ein sehr persönliches Bild der Generationen, die von ihrer jeweils eigenen Vergangenheit geprägt sind und so Einfluss auf die Gegenwart und Zukunft haben. Durch den Blick in die Kindheit der vier Protagonisten erscheinen viele Verhaltensweisen, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale in einem anderen, komplexeren Licht. Dass ausgerechnet Sol, der amerikanische Junge in der Gegenwart, der in einem vergleichsweise friedlichen Umfeld aufwächst, eine Figur ist, die Antipathie, Ekel und Abscheu hervorruft, während seine Vorfahren teilweise unter harten Bedingungen in einer unmenschlichen Zeit ums Überleben kämpften und sich doch über die Jahrzehnte hinweg bis in die Gegenwart hinein ihre Menschlichkeit bewahrt haben, stimmt nachdenklich und traurig. Ein besonderes und anspruchsvolles Lesevergnügen, das in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft blickt und dabei immer auf die Gedanken, Gefühle und Erleben des Einzelnen fokussiert.

Rezension: Das Jungfrauenspiel – Sandra Lessmann

jungfrauenspiel

England im Jahre 1583: Sir Francis Walsingham, Erster Sekretär der Königin und Herr über ein weitgespanntes Agentennetz, kennt nur ein Ziel: Er will endlich den Greif enttarnen, einen Spion, der den Briten das Leben zunehmend schwermacht. Und dazu benutzt er eine Unschuldige: die schöne Marianna Ashton. Walsingham, der Mariannas kleinen Sohn hat entführen lassen, vermutet den Greif im Umkreis von Freunden Mariannas, den Fleetwoods. Er zwingt die verzweifelte Mutter, für ihn Spitzeldienste auszuführen – andernfalls werde sie ihr Kind nie wiedersehen. Wohl oder übel muss Marianna zustimmen und begibt sich auf den Landsitz der Fleetwoods. Dort verliebt sie sich in James, den Freund der Familie. Es beginnt ein gefährliches Spiel um Liebe und Politik, in das Marianna und ihr Sohn immer tiefer verstrickt werden …

„Das Jungfrauenspiel“ ist ein flüssig zu lesender historischer Roman, der den Leser in das ausgehende 16. Jahrhundert, in die Regentschaft König Elizabeth I. entführt. Dort gerät Marianna Ashton in die Fänge von Francis Walsingham, seines Zeichens Herr über ein weitreichendes Agentennetz seiner Majestät, der die Schwäche der jungen Frau kennt und diese für seine Zwecke ausnutzt. Sie soll ihm helfen, den gefährlichen „Greif“ zu entlarven, der die britischen Spione seit geraumer Zeit an der Nase herumführt. Sandra Lessmann versteht es, die Atmosphäre dieser mit Spannung geladenen Zeit gekonnt einzufangen und mit liebevoll eingearbeiteten Details zu präsentieren. So erfährt der Leser nicht nur einiges über die Spionagetätigkeit der damaligen Zeit, sondern darüber hinaus auch einige interessante medizinische, politische und gesellschaftliche Aspekte. Die Geschichte selbst ist unterhaltsam und auch spannend, auch wenn sie (insbesondere die Auflösung) ein wenig raffinierter hätte sein können und der romantische Anteil doch einen großen Raum einnimmt. Diesen hätte ich mir noch mehr für die Kriminalhandlung an sich gewünscht, doch das ist Geschmackssache. Für Leser mit einer Vorliebe für Abenteuer- und Spionagegeschichten, bei denen auch die Romantik nicht zu kurz kommt, ist dieser Ausflug in die elizabethanische Zeit auf jeden Fall empfehlenswert!

Rezension: Das Kindermädchen – Elisabeth Herrmann

kindermädchenJoachim Vernau ist ganz oben in der Berliner Gesellschaft angekommen. Er steht kurz davor, in die wohlhabende und einflussreiche Familie der von Zernikows einzuheiraten, nicht ahnend, dass ihre Ehrbarkeit nicht viel mehr als Fassade ist. Als eine ukrainische Frau auftaucht und behauptet, die von Zernikows hätten im Zweiten Weltkrieg eine Zwangsarbeiterin beschäftigt, lässt das Familienoberhaupt sie kurzerhand hinaus werfen. Wenig später wird sie tot aus dem Landwehrkanal geborgen. Vernau beginnt unangenehme Fragen zu stellen und kommt nicht nur der Identität der Frau sondern auch dem lukrativen Geschäft mit enteigneter Kunst auf die Spur…

Elisabeth Herrmann betritt mit ihrem Erstling aus thematischer Sicht weitgehend Neuland und genau das ist es, was den großen Reiz dieses Romans ausmacht. Hier geht es nicht um Geheimbund-Verschwörungen und auch nicht um kleine Morde unter Freunden, sondern um ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, das nur wenigen bekannt ist: Osteuropäische Kindermädchen, die im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland verschleppt wurden, um dort den Nachwuchs der wohlhabenden Deutschen zu versorgen. Zusammen mit der ebenfalls in diese düstere Zeit anzusiedelnden Kunstenteignung bilden sie den Rahmen für die Handlung, die sich in der Gegenwart abspielt. Sensible Themen, doch der Autorin gelingt es sehr gut, einen Krimiplot in diesen Rahmen zu integrieren, bei dem nicht nur die Spannung, sondern auch eine gute Portion Humor nicht zu kurz kommt. Glaubwürdige und etwas skurrile Personen runden das Bild ab und sorgen so für ein Lesevergnügen, das den neugierigen Leser schnell in seinen Bann zieht, auch wenn es sich hierbei nicht um einen herkömmlichen Krimi handelt. So gibt es keinen Ermittler im klassischen Sinn und die Hauptfigur, Rechtsanwalt Joachim Vernau, hat auch mehr aus privaten Gründen als aus beruflichen Gründen mit den Ereignissen zu tun. Krimileser, die neben Spannung auch nichts gegen ein wenig Nachhilfe in Zeitgeschichte anzuwenden haben, und die einen rundum stimmigen Plot sowie authentische und originelle Figuren schätzen, sind hier gut aufgehoben!

Rezension: Die Glocken von Vineta – Charlotte Lyne

vinetaVineta im 12. Jahrhundert: die Perle der Ostsee – eine stolze, reiche Stadt voller Gegensätze. Hier wachsen die Zwillinge Warti und Bole als Söhne eines vermögenden Bernsteinhändlers heran. Als ihr Vater bei einem Schiffsunglück ertrinkt, tritt Warti als der Ältere das Erbe an, während Bole sich als Fischhändler verdingt. Nach einer verheerenden Sturmflut, die Bole um Hab und Gut bringt, heuert er als Spitzel für den verfeindeten dänischen Hof an. Die Rivalität der Brüder droht zu eskalieren, als Bole sich zu Wartis schöner Frau Natalia hingezogen fühlt. Und ihr Kampf um Liebe und Einfluss soll zu einem Ringen um Leben und Tod für die ganze Stadt werden…

Bild- und wortgewaltig ersteht das sagenumwobene Vineta vor dem Auge des Lesers, der anhand des Schicksals einer Familie auch am Schicksal der legendären blühenden Handelsstadt, die nicht nur Handlungsort, sondern auch die eigentliche Hauptfigur des historischen Romans von Charlotte Lyne ist, teilnimmt. Große Emotionen und viele liebevoll ausgestaltete Details machen den Roman zu einem rundum gelungenen Lesevergnügen, bei dem von der Beschreibung der Landschaft über die damalige politische Situation bis zur Charakterisierung der Figuren, die wunderbar authentisch, da vielschichtig gezeichnet sind, alles stimmt, so dass man am Ende voller Überzeugung sagen kann: „Ja, so könnte (es in) Vineta gewesen sein!“