Rezension: Ein winziger Makel – Nancy Huston

makel Der sechsjährige Sol, die sechsjährige Erra: In wie unterschiedlichen Lebenswelten wachsen sie auf! Sol, verwöhnt, altklug und öfter im Internet unterwegs, als seine gluckenhafte Mutter erfahren darf, lebt in jenem Land, in dem “Gott mit Bush befreundet ist”. Erra, das glückliche Mädchen mit der Wunderstimme, das in Trümmern spielt, salutiert noch vor Adolf Hitler. Erra ist Sols Urgroßmutter. Über Generationen sind die beiden verbunden, und dennoch liegt in dieser Genealogie ein unentdecktes Geheimnis vergraben. Was ist etwa mit dem hässlichen Muttermal an Sols Schläfe, das er sich wegoperieren lässt? Was mit dem grenzenlosen Hass seines Vaters? Niemand setzt sich auf dieselbe Weise an den Tisch der Geschichte, und Lüge, Untreue und Verrat bestimmen die Art, wie sie in dieser Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. Es bleibt den aufmerksamen Kindern überlassen, die Brüche und Verwerfungen in den Erzählungen ihrer Eltern zu deuten.

Nancy Huston zeichnet mit „Ein winziger Makel“ Lebensausschnitte von vier Vertretern aufeinander folgender Generationen, zwischen denen ziemlich genau 20 Jahre Altersunterschied liegen. Bemerkenswert ist nicht nur die umgekehrte Reihenfolge, die sie vornimmt, also vom Jungen Sol im Jahr 2004 bis hin zu seiner Urgroßmutter, die während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland lebte, sondern auch der gewählte Lebensabschnitt. Der Leser begleitet alle Personen (Sol, sein Vater, seine Großmutter und seine Urgroßmutter) in einem Zeitausschnitt aus ihrem 6. bzw. 7. Lebensjahr und zwar aus deren eigener Perspektive.

Sprachlich anspruchsvoll, doch niemals anstrengend wird die Gegenwart 2004 so Stück für Stück aus der Vergangenheit heraus erklärt, langsam entfaltet sich ein sehr persönliches Bild der Generationen, die von ihrer jeweils eigenen Vergangenheit geprägt sind und so Einfluss auf die Gegenwart und Zukunft haben. Durch den Blick in die Kindheit der vier Protagonisten erscheinen viele Verhaltensweisen, Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmale in einem anderen, komplexeren Licht. Dass ausgerechnet Sol, der amerikanische Junge in der Gegenwart, der in einem vergleichsweise friedlichen Umfeld aufwächst, eine Figur ist, die Antipathie, Ekel und Abscheu hervorruft, während seine Vorfahren teilweise unter harten Bedingungen in einer unmenschlichen Zeit ums Überleben kämpften und sich doch über die Jahrzehnte hinweg bis in die Gegenwart hinein ihre Menschlichkeit bewahrt haben, stimmt nachdenklich und traurig. Ein besonderes und anspruchsvolles Lesevergnügen, das in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft blickt und dabei immer auf die Gedanken, Gefühle und Erleben des Einzelnen fokussiert.

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