Rezension: Die Tore der Welt - Ken Follett
Wir schreiben das Jahr 1327.
Am Tag nach Allerheiligen werden vier Kinder aus der Stadt Kingsbridge Zeugen eines Kampfes - und eines tödlichen Geheimnisses. Caris, Tochter eines Wollhändlers und Nachkomme von Jack Builder, hat den Traum, Ärztin zu werden. Merthin, ein Nachfahre von Toms Stiefsohn Jack, dem Erbauer der Kathedrale, hat dessen Genie und rebellische Natur geerbt. Sein Bruder Ralph strebt den Aufstieg in die Ritterschaft an. Gwenda, Kind eines Tagelöhners, will nur ihrer Liebe folgen. Und da ist noch Godwyn, Caris’ Vetter, der entschlossen ist, Prior von Kingsbridge zu werden - um jeden Preis. Stolz und Rache, Ehrgeiz und Liebe wird das Leben dieser Menschen bestimmen. Sie werden Reichtum und Armut, Krieg und Pest erleben. Und immer wird der Schwur sie verfolgen, den sie an jenem schicksalhaften Tag leisteten.
Es war Ken Folletts „Die Säulen der Erde“, das mich als erster historischer Roman begeisterte und so das Interesse für dieses Genre weckte. Auf eine Fortsetzung hatte ich nie gehofft, und umso erstaunter und erfreuter war ich, als ich diese 18 Jahre nach dem Erscheinen der Geschichte um Tom und Jack Builder in den Händen hielt.
Zweihundert Jahre sind seit dem Bau der großen Kathedrale in Kingsbridge vergangen und noch immer sind die Menschen der Willkür des Adels und der Kirchenherren ausgeliefert. Wieder erlangt ein Gebäude große Bedeutung in der Geschichte, diesmal ist es eine Brücke, die den Weg für die Händler, die nach Kingsbridge kommen, erleichtern soll. Doch im Mittelpunkt stehen fünf Menschen, die sich seit Kindertagen kennen und ein Geheimnis miteinander teilen, das sie einst im Wald beobachtet haben. Mehrere Jahrzehnte begleiten wir
- die starke und entschlossene Caris, die sich niemals einem Mann durch die Ehe unterwerfen lassen will
- den begabten Merthin, der für seine Baukunst lebt
- seinen Bruder Ralf, dessen Lebensziel es ist, Ritter zu werden
- Gwenda, die alles für die Liebe ihres Lebens tun würde und
- Godwyn, dessen Ehrgeiz für einen ranghohen Kirchenposten kaum Grenzen kennt
Im Laufe der Geschichte ist der Leser mal bei dem einen und mal bei der anderen Figur, teilt ihr Leben, das unweigerlich mit dem der anderen Figuren verwebt ist. Dabei steht nicht wie in anderen historischen Romanen die politische Situation im Vordergrund, sondern ausschließlich das einfache Leben der Menschen zur damaligen Zeit. Ihre Sorgen und Nöte, ihre Freuden und ihr Glück und wie sie mit unterschiedlichen, aber immer begrenzten Mitteln – denn keine der Figuren ist hochwohlgeboren – versuchen, ihre Träume zu verwirklichen. Dabei sind ihnen nicht nur durch die gesellschaftlichen Umstände, sondern auch durch andere Gefahren wie die Pest, Grenzen gesetzt.
Ein bisschen schade fand ich, dass die Figuren – so lebendig sie auch gezeichnet waren – ein wenig eindimensional wirkten, sie waren entweder herzensgut oder grundböse und somit in ihrem Verhalten relativ vorhersehbar. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Komplexität und Vielschichtigkeit gewünscht, denn das boten die Charaktere allemal. Dennoch gewinnen die Figuren schnell die Sympathie bzw. Antipathie des Lesers, der gespannt darauf ist, wie sie sich entwickeln und was das Schicksal noch für sie bereithält. Ein großes Lesevergnügen, bei dem man schnell in die Handlung und die Zeit des Geschehens eintaucht und mit großem Interesse und Spannung die Ereignisse verfolgt. Ich habe die Seiten fast verschlungen und nach der letzten bin ich immer noch ein wenig traurig darüber, Kingsbridge und seine Bewohner, die mir in den knapp 1300 Seiten wirklich ans Herz gewachsen sind, wieder zu verlassen.

