Rezension: Verkaufte Seelen - Roger Morris
Sankt Petersburg im Winter des Jahres 1866: Beim Holzsammeln am frühen Morgen findet die alte, bitterarme Soja Petrowa zwei Tote. Der eine hängt an einer Birke, im Gürtel des Mannes steckt ein blutiges Beil. Der andere Tote ist ein Zwerg. Sein Leichnam steckt in einem Koffer zu Füßen des Erhängten, sein Schädel ist gespalten. Soja ist kaltblütig genug, ein Kuvert mit 6000 Rubel an sich zu nehmen, das sie in der Kleidung der Toten entdeckt. Natürlich erzählt sie Porfiri Petrowitsch, dem Ermittler der zaristischen Polizei, nichts davon. Porfiri - eine Gestalt aus Dostojewskis “Schuld und Sühne” - tappt in dem mysteriösen Fall zunächst völlig im Dunkeln. Seine Suche nach dem Täter führt ihn von den Elendsquartieren, Spelunken und Bordellen der Zarenmetropole bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft, und er stößt auf einen Abgrund an Habgier und Besessenheit.
Roger Morris scheint Dostojewski und dessen Werk “Verbrechen und Strafe” (besser bekannt unter dem Titel “Schuld und Sühne”) wirklich zu verehren, schließlich hat er ihm mit dessen Ermittler Porfiri Petrowitsch als Hauptfigur in seinem eigenen Romandebüt ein neues Denkmal gesetzt und das wirklich gut! Morris ist es auußerordentlich gut gelungen, nicht nur die Figuren und die Atmosphäre des zaristischen Russlands vor dem geistigen Auge des Lesers heraufzubeschwören, sondern bedient sich auch einer Sprache, die deutlich an Dostojewski angelehnt ist, dabei aber überhaupt nicht aufgesetzt wirkt, sondern sich wunderbar ins Gesamtkonzept einfügt. Persönliche Befindlichkeiten finden hier ebenso Raum wie politische und gesellschaftliche Zustände und liefern so den Hintergrund für den Kriminallfall. Dieser beginnt mysteriös und spannend, doch leider kann er vor allem am Ende nicht halten was er verspricht. Zwar macht es Spaß, zusammen mit Porfiri die einzelnen Spuren zusammenzufügen und der Auflösung des Rätsels immer näher zu kommen - in Anbetracht der Tatsache, dass es im Laufe der Geschichte auch nicht bei dem beiden Toten im Petrowski-Park bleiben wird, ist auch für genügend Spannung gesorgt -, doch konnte die Auflösung selbst mich nicht überzeugen. Nicht, dass sie völlig unglaubwürdig wäre, aber mir persönlich fehlten einige Querverweise bzw. Erklärungen, damit sich das Bild tatsächlich zusammenfügt. So bleibt eine relativ schnell angehandelte Auflösung, die den Gesamteindruck des Buches doch schmälerte, war für mich die Krimihandlung doch mindestens von ebenso großer Bedeutund wie das Aufgreifen der Dostjewski’schen Figuren. Wem das allerdings wichtiger ist, der sieht auch über die möglicherweise etwas unbefriedigende Auflösung hinweg.





