Du befindest dich im Archiv: September, 2008

3 neue Rezensionen

Für die vollständige Rezension und weitere Infos einfach auf den Titel klicken!

Weit übers Meer – Dörthe Binkert
Der Autorin gelingt es wunderbar und auf intensive, aber nicht aufdringliche Weise, die Emotionen ihrer Figuren und deren Entwicklung darzustellen, so dass man sie nicht nur zu kennen glaubt, sondern auch mit ihnen mitfühlt. Die Reise mit der Kroonland ist für sie – ob sie es wissen oder nicht – eine Reise nach dem Glück, ob sie es am Ende finden werden… bleibt herauszufinden.
Note: 1

Wir Ertrunkenen – Carsten Jensen
Wer sich auf diese, ganz sicher nicht leichte Kost, einlässt, wird mit einem intensiven Leseerlebnis der besonderen Art belohnt, dass sowohl durch seine Nachhaltigkeit, als auch seine Menschlichkeit und seinen ungewöhnlichen Stil überzeugt. Eine absolute Leseempfehlung für all jene, die das Meer und die Menschen trotz oder wegen ihrer Schwächen lieben und bereit sind, sich in einen Mikrokosmos hineinziehen zu lassen, der sie so schnell nicht mehr loslässt!
Note: 1

Das verlassene Boot am Strand – Scott O’Dell
[…] ist genau wie sein Vorgänger lebensbejahend und endet voller Hoffnung, doch im Gegensatz zu dem Einklang mit der Natur, der zentraler Aspekt des Vorgängers war, geht es hier um das Zusammenleben verschiedener Kulturen – was um ein Vielfaches beklemmender ist. Dennoch empfehlenswert, insbesondere um der Zielgruppe einen ersten Eindruck über die historischen Ereignisse zu vermitteln, die hier nur exemplarisch dargestellt sind.
Note: 2

Rezension: Tödliche Schlagzeilen – Michael Collins

Collins TödlicheSchlagzeilen

Früher eine Hochburg industrieller Produktion, ist die kleine amerikanische Stadt, in der Bill lebt, nur noch eine verlassene Ruine ihrer selbst. Und ihre Bewohner sind traurige Verlierertypen. Auch Bill verzweifelt an seinen banalen Artikeln für das Lokalblatt “Daily Truth”, und schreibt heimlich an seinem großen Essay zum Niedergang des amerikanischen Traums. Dann kommt plötzlich eines Nachts der alte Lawson nicht mehr nach Hause. Und Ronny, sein Sohn, gerät unter Mordverdacht. Die Stadt berauscht sich an dem Skandal, den Bill mit seinen Berichten anheizt. Bis er sich zu fragen beginnt, was wirklich hinter dem Verschwinden des alten Mannes steckt…

Dieser Roman sei ein “apokalyptisches Stück Prosa, ein Requiem auf Amerika” schreibt der London Oberserver, und da muss ich ihm absolut rechtgeben. Es ist ein tristes, hoffnungsloses Leben in den 80er Jahren irgendwo im Mittleren Westen der USA, wo die einst so aufstrebende Industrie längst ausgestorben ist und die Menschen versuchen, sich irgendwie über Wasser zu halten. Frust und vage Träume von einem besseren Leben bestimmen den Alltag der Menschen. Nicht nur im Sommer, der brütend heiß über den Ebenen liegt, gibt es in der Redaktion der “Daily Truth” nicht viel zu tun. Bis ein Mann plötzlich verschwindet und sein Sohn unter Mordverdacht gerät. Reporter Bill, der selbst mit seinen Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen hat, wird – ehe er es sich versieht – hineingezogen in den Strudel aus Sensationsgier, Macht und Vorurteile, von denen manche, aber nicht alle gerechtfertigt sind. Collins erzählt staubtrocken, messerscharf und mit einer gewissen Melancholie, woran man sich erst gewöhnen muss. Action oder blutige Details sucht man hier vergebens, stattdessen findet man ein Porträt eines Amerikas, in dem die Außenseiter und Verlierer der Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Das Ende ist für manchen vielleicht so unbefriedigend wie das Leben der Menschen, doch konsequent realistisch und deshalb zwingend.

Ganz sicher ein Krimi der anderen Art und für mich Anlass, nach den übrigen Romanen des Autors Ausschau zu halten.

Rezension: Die Shakespeare-Morde – Jennifer Lee Carrell

Shakespeare-MordeKate Shelton führt zum ersten Mal Regie, mit Hamlet hat sie in London Premiere. Doch am Vorabend brennt das Globe-Theatre ab und Shakespeare-Expertin Ros Howard wird ermordet aufgefunden. Kurz vor ihrem Tod hat Ros Kate eine mysteriöse Schachtel überreicht und von einer bedeutenden Entdeckung gesprochen – ohne jedoch preiszugeben, um was es sich handelt. Ahnte Ros bereits, dass ihr jemand nach dem Leben trachtet? In der Schachtel findet Kate den ersten Teil eines bedrohlichen Shakespeare-Puzzles, das sie von Harvards ehrwürdiger Bibliothek bis in die Wüste Arizonas führt, gejagt von einem Unbekannten, der seine Opfer nach Vorlagen von Shakespeare tötet. Ein Thriller um die wahre Identität des Mannes, der sich William Shakespeare nannte.

“Die Shakespeare-Morde” ist eine klassische Abenteuergeschichte mit Schatzsuche im modernen Krimigewand. Dabei gelingt es der Autorin, Vergangenheit und Gegenwart geschickt miteinander zu verweben und die Spannung von Beginn an hoch zu halten. Überraschende Wendungen schlagen dem Leser immer wieder ein Schnippchen, so dass das Miträtseln ebenso Spaß macht wie die Auflösung. Wie der Titel schon vermuten lässt, dreht sich die Geschichte um Shakespeare und seine Werke, deshalb wären ein paar Grundkenntnisse über den berühmtesten englischen Dichter oder noch besser einiger seiner Stücke von Vorteil, wenn auch nicht zwingende Voraussetzung. Aber es macht deutlich mehr Spaß, wenn die Zitate, die hier eine nicht unbedeutende Rolle spielen, auch in ihrem ursprünglichen Kontext bekannt sind. In dem sehr ausführlichen Nachwort erklärt die Autorin einige Daten und Fakten und zieht eine deutliche Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion in ihrem Buch.
Ein echtes Lesevergnügen für alle Schatzsucher und Shakespeare-Fans, die dem Genie, Künstler und Mythos Shakespeare erlegen sind!

Rezension: Gretchen – Ruth Berger

GretchenFrankfurt im Jahr 1771. Die Dienstmagd Susann wird von ihrer eigenen Schwester bezichtigt, ihr Neugeborenes getötet zu haben. Im Römer beginnt der Prozess gegen sie. Und als Susann schließlich auf dem Rossmarkt enthauptet wird, ist unter den Zuschauern ein Bürgerssohn namens Johann Wolfgang Goethe. Susann wird sein Vorbild für Fausts Gretchen. Jetzt erzählt Ruth Berger ihre wahre Geschichte.

Es ist kein einfaches Leben für mittellose junge Frauen in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts. Da kann man schon von Glück reden, wenn man eine Anstellung als Dienstmagd bekommt – und sie auch behält. Vor allem letzteres ist für die junge Susann eine echte Herausforderung, denn sie lässt sich so schnell nichts gefallen und hat ihre Anstellung deshalb schon zwei Mal verloren. Nun will sie sich aber nichts zuschulden kommen lassen bei ihrer Arbeit im Gasthof, doch dann macht sie den Fehler, der ihr Leben kosten wird…

Ruth Berger hat für ihren Roman über Susanna Brand eine ungewöhnliche, aber sehr eindringliche Erzählweise gewählt. In altertümlicher Sprache, also so, als würden Zeitgenossen von Susanna ihre Geschichte erzählen, begleitet der Leser vor allem die Hauptfigur durch die Geschehnisse, erfährt dabei aber nicht nur ihre Gedanken und Gefühle, sondern auch die der anderen auftauchenden Personen, was die Geschichte zu einem runden Ganzen macht und ein vielschichtiges Bild über die damalige Zeit und ihre Gesellschaft malt. Dass die Tötung eines Kindes nicht gutzuheißen ist, bleibt unbestritten, trotzdem fühlt und leidet man intensiv mit Susanna mit, ist entsetzt, wütend und traurig über die Umstände und die Reaktionen ihrer nächsten Verwandten, hofft und bangt bis zur letzten Seite. Ruth Berger beschönigt nichts und verteufelt nichts, sie erzählt die Geschichte der Susanna Brand, der tragischen Figur, die Pate für Goethes Gretchen stand und die ein Opfer ihrer Zeit wurde. In einem ausführlichen Nachwort erfährt man weitere Details über die historischen Personen und was mit ihnen weiterhin geschehen ist. Ein toller historischer Roman, der nicht nur durch den außergewöhnlichen Erzählstil, sondern auch die hervorgerufenen Emotionen überzeugt und einen guten Einblick gibt in eine Zeit, in der die Geburt eines unehelichen Kindes das Schlimmste war, das einer einfachen Magd widerfahren konnte.

Rezension: 19 Minuten – Jodi Picoult

19minuten picoult

In neunzehn Minuten kann man das Gras in seinem Vorgarten mähen, die Haare färben oder einen Kuchen backen. Man kann die Wäsche für eine fünfköpfige Familie falten. Neunzehn Minuten kostet es, von der Grenze zu Vermont nach Sterling, New Hampshire, zu fahren. In neunzehn Minuten kann man die Welt zum Stillstand bringen oder einfach aus ihr herausfallen. Neunzehn Minuten kostet es, Rache zu nehmen. Das hat der 17-Jährige Peter Houghton getan. Noch weiß niemand in Sterling wofür, doch mit diesem unaussprechlichen Akt der Gewalt ist die Welt des kleinen Orts für immer aus den Angeln gehoben. Josie Cormier, die Tochter der Richterin, hat das Massaker an der Schule überlebt. Sie wäre die beste Zeugin. Aber sie kann sich nicht erinnern, was geschehen ist.

In “19 Minuten” greift Erfolgsautorin Jodi Picoult ein – vor allem in den USA – heikles Thema auf: Ein 17-jähriger Schüler kommt eines Morgens schwer bewaffnet in die Schule und eröffnet scheinbar wahllos das Feuer auf Mitschüler und Lehrer. Abwechselnd aus der Sicht verschiedener Personen und teilweise in Rückblicken erzählt Picoult von der unfassbaren Tat und wie sie die Menschen, die zu dem besagten Zeitpunkt in der Schule waren und ihren Angehörigen verändert hat. Der Täter, von den Eltern der Opfer als Monster beschimpft, ist ein gedemütigter Junge, der seit Jahren Tag für Tag Erniedrigungen in der Schule erleben muss und in der Beliebtheits-Hierarchie auf dem letzten Platz rangiert. Als Leser erhält man Einblicke in seine Kindheit, seine Familie und sein Leben, angefangen von seiner Geburt bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem sein Rucksack keine Schulbücher, sondern vier geladene Waffen enthält.

Jodi Picoult gelingt es auf ihre gewohnt fesselnde Weise, den Leser einzubeziehen in die widersprüchlichen Gefühle, den Zwiespalt zwischen Recht und Gerechtigkeit, Rache und Mitgefühl, Entsetzen und Genugtuung. Sie präsentiert keine Antworten auf die vielen Fragen, schafft aber sämtlichen Beteiligten der Opfer wie des Täters Gehör und lässt den Leser, sein eigenes Urteil fällen – wenn so etwas überhaupt möglich ist. Ein wichtiges Buch, das viel mehr als nur reinen Unterhaltungswert hat, sondern zum Nachdenken anregt und im Idealfall das Bewusstein für die Komplexität einer solchen Tat schärft.

Rezension: Die zwei Leben des Tom Bedlam – George Hagen

Hagen TomBedlamSein Leben ist im schönsten Wortsinne “wunderbar” – denn Tom Bedlams Glücksstern wendet selbst die aussichtslosesten Situationen zum Guten. Als Tom mit zwölf Jahren am Tiefpunkt seines jungen Lebens angekommen ist und sich als Hilfsarbeiter durch das viktorianische London schlagen muss, lernt er seinen reichen Großvater kennen, der ihm eine Schulausbildung finanziert. Selbst als kurz vor den Abschlussprüfungen ein Mitschüler tödlich verunglückt und der Verdacht auf Tom fällt, wird er nicht des Internats verwiesen, sondern findet vielmehr einen Gönner, der sein Medizinstudium bezahlt. Alles scheint Tom zu gelingen, er wirft sich beherzt ins Leben und lässt sich von seinem Schicksal bis nach Südafrika treiben. Dass man sein Glück aber auch schmieden kann, lernt Tom erst in der zweiten Hälfte seines Lebens, als er mitten im Ersten Weltkrieg nach London zurückkehrt, um nach zwei Menschen zu suchen: Seinem verschollenen älteren Bruder und nach Audrey, seiner großen Liebe.

“Die zwei Leben des Tom Bedlam” ist eine überaus warmherzige Geschichte über einen Jungen aus ärmlichen Verhältnissen, der es sich trotz der schlechten Startbedingungen nicht nehmen lässt, das Beste aus seinem Leben zu machen. Dafür muss er so manches Mal gegen sein Gewissen handeln und sich in unangenehme Situationen begeben, doch tief in seinem Inneren bleibt er seinen Prinzipien treu und leidet unter den Ereignissen, die sein Leben in die Bahnen lenkten, die es letztendlich nahm. George Hagen versteht sein Handwerk, sein Erzählstil fesselt von der ersten Seite an und zieht den Leser förmlich in die Geschichte hinein. Ich hätte noch endlos weiterlesen können, so lebendig sind die Figuren, so authentisch die Stimmungen und so spannend die Ereignisse. Die Lebensumstände seiner Hauptfigur Tom Bedlam und seine Erzählweise erinnern in der Tat an Charles Dickens, und auch wenn Dickens die zufällige Begegnung alter Bekannter auch immer wieder in seinen Geschichten zelebrierte (was ich sehr mag!), hat George Hagen den Zufall an der ein oder anderen Stelle meiner Meinung nach schon etwas überstrapaziert. Ein bisschen schwer fiel mir auch der Übergang eben der zwei im Titel genannten Leben des Tom Bedlam. Seine Entwicklung vom jugendlichen Hilfsarbeiter zum anerkannten Mitglied der Gemeinde ging mir etwas schnell, mir fehlte in der zweiten Hälfte etwas vom jungen Tom, es erschien mir stellenweise so, als wären es zwei Personen oder zumindest zwei Generationen. Abgesehen von diesen kleinen Unstimmigkeiten hat mir das Buch sehr gut gefallen und kann es ohne Bedenken allen empfehlen, die Familiengeschichten, das viktorianische London, die Kolonialzeit in Südafrika, lebendige Figuren und den Zufall, der vieles zum Guten fügt, lieben!

1 neue Rezension

Für die vollständige Rezension und weitere Infos einfach auf den Titel klicken!

Der Seelenbrecher – Sebastian Fitzek
Von einer SpannungsKURVE kann hier keine Rede sein, denn die Spannung bleibt über das ganze Buch hinweg auf so hohem Niveau, dass man die Seiten förmlich verschlingt. Und wenn den Leser so langsam aber sicher die Erkenntnis trifft, folgt die Ungläubigkeit, Fassungslosigkeit und Staunen über den Clou, der Fitzek mal wieder gelungen ist. Wer zu dem Seelenbrecher greift, sollte sich für die nächsten Stunden nichts vornehmen. Und für Gruselanfällige (wie ich es bin) gilt: Lieber tagsüber lesen oder zumindest sicherstellen, dass die Stromversorgung über Nacht störungsfrei ist….
Note: 1