Genre: Zeitgenössisches
Auf dem alten jüdischen Friedhof von Buenos Aires, durch eine hohe Mauer vom respektablen Rest getrennt, liegen Zuhälter, Ganoven und Huren begraben. Kaddisch Poznan, selbst Jude und Sohn einer Hure, profitiert von der Scham der Nachkommen, denn gegen ein Handgeld meißelt er nachts die Namen von den Grabsteinen. Sein Sohn Pato verachtet ihn deswegen. Anstatt ihm zu helfen, geht er lieber in Diskos und träumt mit seinen Freunden, den Joint in den Fingern, von der Weltrevolution. Kaddischs Frau Lillian sorgt mit ihrem Job bei einer Versicherungsagentur für den Unterhalt der Familie, obwohl sie sich ihr Leben anders vorgestellt hat. Im Buenos Aires der siebziger Jahre boomt das Versicherungsgewerbe, da zu viel Unwägbares passiert: Die argentinische Militärdiktatur führt einen “Schmutzigen Krieg” gegen die eigene Bevölkerung, in dem Tausende von Unschuldigen spurlos verschwinden. Eines Tages geschieht dann genau das, was Kaddisch und Lillian um jeden Preis verhindern wollten: Pato wird von Männern in grauen Anzügen abgeholt. Und für die beiden beginnt eine lange, immer absurdere Suche nach dem verlorenen Sohn, die stets zu dem rosa Gebäude an der Plaza Mayor führt, dem Ministerium für besondere Fälle …
Den Einstieg in das Buch zu finden ist nicht ganz leicht, zu fremd erscheinen die hier beschriebenen Figuren und ihre Handlungen. Ein Mann, der seinen Lebensunterhalt mit dem heimlichen Entfernen von Namen von Grabsteinen verdient ist ebenso weit von unserem Alltag entfernt wie die Tatsache, dass Dutzende unschuldige Menschen von der herrschenden Militärjunta abgeholt werden und spurlos verschwinden. Genau das ist die Situation in Argentinien 1976, in der die Geschichte um die jüdische Familie Kaddisch, Lillian und Pablo spielt.
Wenn man den sperrigen Beginn überwunden und sich auf die teils nüchterne, teils poetische Sprache, die Figuren und das Setting eingelassen hat, erwartet den Leser nichts weniger als eine tragische Familiengeschichte voller Schmerz, Liebe, Angst, Hoffnung und Verzweiflung, die auch die “normalen” Sorgen und Probleme (z.B. Vater-Sohn-Konflikt) einer jeden Familie aufgreift und so trotz der furchtbaren Umstände ein komplexes und umfassendes Bild entsteht. Nahezu über den ganzen Verlauf der Geschichte hinweg drängt sich der Eindruck der Skurrilität auf, die jedoch bei genauerem Hinsehen nicht zuletzt aus dem Schrecken und Wahnsinn entsteht, der hier beschrieben wird. Nur mit diesem Empfinden ist diese Geschichte, die beispielhaft für das reale Verschwinden Zehntausender unter der Militärherrschaft in den 70er Jahren in Argentinien steht, zu ertragen. Neben der Familie kommen auch andere Personen zu Wort, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem bestehenden System “arrangiert” haben und daraus so gut es geht ihren Nutzen ziehen oder zumindest ihr Überleben sichern. Inwiefern dies zu be- und/oder verurteilen ist, bleibt dem Leser überlassen.
Ein Roman, der sensibilisiert, sprachlos macht, zum Nachdenken und Recherchieren anregt. Ein Roman, der Hilflosigkeit und Mitgefühl angesichts des Schicksals dieser fiktiven Figuren erzeugt, die in ihrem Umfeld, ihrem Handeln und Empfinden trotz oder gerade wegen der tragikomischen Skurrilität letztlich so authentisch wirken, dass sie noch lange nachhallen und im Gedächtnis bleiben werden.
Bewertung: 8/10 Punkte