Rezension: Die Poeten der Nacht - Barry McCrea

Genre: Zeitgenössisches
Als Niall Lenihan sein Studium im altehrwürdigen Trinity College zu Dublin antritt, ändert sich sein Leben auf magische Weise. Er trifft Studenten, die des Nachts in alten Büchern lesen, als ginge es um ihre Seele. Es sind »Literati«, Angehörige eines verborgenen Ordens, die einem alten Kult frönen: Mit Hilfe von »Sortes«, schicksalsschweren Textstellen aus alten Büchern, sind sie der Zukunft und dem Mysterium des Lebens auf der Spur. Niall verfällt den Literati und den Sortes. Zu spät merkt er, dass sie sein Leben gefährden.
“Die Poeten der Nacht” ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Klappentext den Leser irreführen kann, denn hier wird ein Verschwörungsthriller in Literaturkreisen suggeriert, so dass der Leser nach der Lektüre dieses Romans zwangsläufig enttäuscht sein muss. Es handelt sich nämlich mitnichten um einen Thriller und auch nicht um eine Verschwörung im herkömmlichen Sinn. “Die Poeten der Nacht” ist vielmehr die Geschichte eines - nicht zuletzt wegen seiner im verborgenen ausgelebten Homosexualität - unsicheren Jugendlichen, der Gefallen an merkwürdigen literarischen Ritualen findet und durch sie den Bezug zur Realität und letztendlich sich selbst in ihnen verliert. Wer Action sucht, wird hier nicht fündig, stattdessen wird das Hinübergleiten in eine Art Wahnsinn oder Besessenheit und die Abgabe jeglicher Kontrolle über das eigene Leben an eine vermeintlich höhere Macht (den Zufall?) detailliert beschrieben.
Barry McCrea gelingt es durch einen - meinem Empfinden nach - sehr nüchternen, und dadurch gleichzeitig sehr eindringlichen Erzählstil, die Abhängigkeit der Hauptfigur Niall und seine emotionale Verunsicherung, die er versucht mit dem Extra-Kick und den Rausch, den er bei den literarischen Sitzungen erfährt, zu kompensieren versucht, gut darzustellen. Wie er der Versuchung des Geheimnisvollen erliegt, sich gleichzeitig dagegen wehrt, versucht ein normales Leben zu führen und mit sich, seiner Sexualität und seinen Partnern ins Reine zu kommen und doch immer wieder dem Drang nach dem “anderen Leben” nachgebeben muss, bis hin zur Selbstzerstörung, hat mir sehr gut gefallen.
Dass die Figuren selbst weitgehend distanziert bleiben, hat mich weniger gestört als das doch etwas abrupte Ende, das meiner Meinung nach durchaus noch etwas differenzierter hätte ausfallen können. Wurden im Laufe des Buches ganze Tage minutengenau beschrieben, ist das Ende in seiner ganzen Bedeutsamkeit doch etwas zu kurz geraten. Auch die Hintergründe blieben mir bis zum Schluss verborgen und einige Fragen offen, doch nach längerem Nachdenken bin ich zu dem Schluss gekommen, dass dies wohl so gewollt ist und angesichts der undurchsichtigen Materie auch Sinn macht.
Bewertung: 7/10 Punkte


Genre: Krimi/Thriller
Genre: historischer Roman