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Ulysses: 18 – Penelope (Bett)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 915-988 (Ende)]

Bloom ist völlig erschöpft zu der vermeintlich schlafenden Molly ins Bett gekrochen, in umgekehrter Position wohlgemerkt (mit dem Kopf an ihren Füßen). Doch Molly schläft ganz und gar nicht, sondern lässt den Leser an ihrem Gedankenstrom teilhaben. Von ihrer Kindheit und Jugend bis zu dieser heutigen Nacht springen ihre Gedanken, so zusammenhängend und zusammenhangslos wie Gedanken eben sind.

Wohl das berühmteste Kapitel von Ulysses, denn in über 70 Seiten ohne Punkt, Komma oder andere Satzzeichen auszukommen, ist schon bemerkenswert. Für mich das intensivste Kapitel, weil es so menschlich und authentisch ist und vieles von Bloom und der Ereignisse an diesem Tag, dem 16. Juni 1904, aus einem anderen Blickwinkel erscheint.

An einer Abschluss-Rezension dieses Werks werde ich mich trotz aller Komplexität versuchen ;-)

Ulysses: 17 – Ithaka (Haus II)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 816-914]

Bloom und Stephen gehen zu Bloom und fachsimpeln zwischen Müdigkeit und Mollys Strümpfen in der Küche über alles Mögliche. Das ganze Kapitel ist in Frage-und-Antwort-Form gehalten, was mich zunächst an ein Verlaufs- oder Verhörprotokoll erinnert hat, später aber mehr an eine Klassenarbeit. Beispiel: “Warum empfand Bloom…?”, “Welche Gegenstände wurden erblickt?” oder “Beschreiben Sie…”.

Bis ins kleinste Detail werden die Tätigkeiten, Gesprächsthemen und Gedanken der beiden abgefragt, darüber hinaus Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten der beiden. Sowohl Fragen als auch Antworten sind in einer Art wissenschaftlicher Sprache gehalten, die mich sehr oft hat schmunzeln lassen. Wenn das Aufsetzen eines Wassertopfes mit Fremdwörtern gespickt und ausführlichst beschrieben wird, erhält die Situation schon etwas Absurdes. Mir hat es gefallen, auch wenn es nicht immer leicht zu lesen war.

Ulysses: 16 – Eumaios (Kutscherkneipe)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 737-815]

Ein angenehm zu lesendes Kapitel, in dem sich Bloom mit dem betrunkenen Stephen in eine Kutscherkneipe begibt und dort so gut es geht philosphiert. Bloom bemüht sich um Stephen, möchte seine Meinung zu allen möglichen Themen hören, man bekommt den Eindruck, er betrachte ihn wohlwollend (wie den Sohn, den er zu früh verloren hat). Stephen scheint der Umgang etwas unangenehm oder zumindest ist er nicht ganz so euphorisch. Dennoch nimmt er Blooms Angebot an, bei ihm zu übernachten. Für mich ein schönes Kapitel, nicht zuletzt wegen der skurrilen Figuren, die hier wieder auftauchen, allen voran der alte Seemann, der die dollsten Geschichten erzählt und der Atmosphäre in der Kutscherkneipe, die absolut realistisch vor meinem inneren Auge auferstanden ist.

Ulysses: 15 – Kirke (Bordell)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 587-736]

Oha! Das ganze Kapitel liest sich wie ein LSD-Trip, ein psychedelisches Kaleidoskop aus Farben, Formen, Personen, Fratzen, Ereignissen.

Ich bin mir nicht ganz sicher, was genau jetzt wahr und was Fantasie ist – neben Bloom scheint ja auch Stephen ziemlich tief ins Glas geschaut zu haben und sieht sich jetzt seiner vermodernden Mutter gegenüber *örghs* Ich habe es so verstanden, dass alles was mit den Prostituierten Kitty, Zoe und Florry beschrieben wurde, “Realität” ist.

Außerdem scheint mir, dass Bloom eine ähm sagen wir mal etwas sonderbare Sexualität hat. Zumindest drängt sich mir bei so mancher Szene in diesem Kapitel der Eindruck auf…

Ulysses: 14 – Die Rinder des Sonnengottes (Hospital)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 522-586]

Bis ich verstanden habe, dass es in dem Kapitel eine Entwicklung vom Gälischen (?) bis zum damaligen Irischen gibt, hat es eine Weile gedauert, und es war teilweise nur zu verstehen, wenn man es sich laut vorlas. Eine originelle Idee und interessantes Sprachexperiment, diese Entwicklung!

Inhaltlich hat mich dieses Kapitel jedoch nicht wirklich weitergebracht, was ich verstanden habe:

Bloom sitzt in dem (Wartesaal? des) Krankenhaus(es), weil er wissen möchte, ob Mina Purefoy, endlich ihr Kind bekommen hat, weil sie schon seit Tagen in den Wehen liegt. Er sitzt dort zusammen mit allen möglichen Leuten, die sich ziemlich betrinken und irgendwann anfangen über die Geburt und Tod und das Leben an sich zu philosophieren. Zunächst dachte ich, es handele sich hierbei um Ärzte, doch was hat Stephen dann dort zu suchen? Und wieso wird dort erstmal kräftig gebechert? In einem Krankenhaus?
Nach überstandener Geburt des Sohnes von Mina, zieht die ganze Truppe dann zunächst in eine Kneipe und von dort soll es weitergehen in ein Bordell.

Hm. Na da darf man ja gespannt sein *g*

Ulysses: 13 – Nausikaa (Felsen)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 468-521]

Ein merkwürdiges Kapitel. Im Gegensatz zu manchen vorangegangenen überraschend leicht zu lesen, aber sehr merkwürdig.

Es beginnt wie eine seichte und kitschige Familienszene, drei Freundinnen mit Kleinkindern auf einem Ausflaug ins Grüne, zwei von ihnen spielen mit den Kindern, brabbeln mit Babysprache auf sie ein. Herzallerliebst. Die dritte sitzt ein wenig abseits auf einem Felsen und sinniert vor sich hin. Bei der Beschreibung ihres Äußeren und ihrer Gedanken, die sich ziemlich schnell einem auf sie faszinierend wirkenden Mann in der Nähe (Bloom) nähern, schwenkt der Eindruck von einer kitschigen Familienszene zu einem noch kitschigeren Schundroman – a la Dr. Andreas Hertel, Wege ins Glück, ganz knapp noch FSK 16. Oder so. Nun ja, sie ist auf jeden Fall vor Liebe und Sehnsucht und Erregung entbrannt und lässt ihren Gedanken freien Lauf. Soweit noch ok.

Mit ihrem Aufbruch kommt auch der Perspektivenwechsel und der Leser nimmt an Blooms Gedanken teil. Örghs. Zum ersten Mal im Buch ist er mir richtig richtig unsympathisch. Nicht nur, dass er sich über die junge Frau lustig macht, er lässt (gedanklich) ein paar Sprüche vom Stapel, die mich echt angewidert haben. Frauen als Sexobjekt, zum Benutzen, und wie sind eigentlich “ne Nonne oder ne Negerin oder ein Mädchen mit Brille”? (S. 499) *elbrecho*
Und dann: Er hat doch nicht TATSÄCHLICH während des Blickwechsels onaniert, oder??? Ich fürchte er hat.

Das lasse ich mal unkommentiert.

Naja auf jeden Fall hat er sich bei mir in diesem Kapitel erst einmal ins Aus geschossen und ich brauche jetzt eine kleine Ulysses-Auszeit, werde also erst in ein paar Tagen wieder weiterlesen.

Ulysses: 12 – Kyklop (Kneipe)

[Suhrkamp-Ausgabe 1996, S. 394-467]

Also das hier ist ein richtig witziges Kapitel, ich musste mehrmals laut lachen, und zwar richtig! Köstlich! *gggg*

Der Erzähler hier ist ein Schuldeneintreiber (ohne Namen?), der sich in der Kneipe mit einigen Bekannten trifft. Dabei wird mal dieses, mal jenes Thema angesprochen, aber fast immer auf eine teilweise sehr schwarzhumorige Weise, die mir richtig gut gefallen hat!!!

Ein paar Stichworte, zu den skurrilsten/lustigsten Stellen:
S. 413: Blooms Versuch, dem Jungen eine Alkohol-Lektion zu erteilen
S. 416: die Uhren in den Taschen des Avvocato Pagamini nach dem Tumult
S. 427: ‘Bericht’ über die Versammlung

Insgesamt kommt Bloom hier jedoch wieder nicht gut an, sein Wissen wird als Besserwisserei empfunden und ganz ehrlich, so angemessen ist die Art und Weise, wie er es vorträgt tatsächlich nicht. Ob er es nicht besser kann/weiß? Vermutlich.
Der auch hier gegenwärtige Antisemitismus (z.B. S. 411) tut sein Übriges… Deutlicher als je zuvor hat man den Eindruck, er wird nie ECHTER Teil dieser Gesellschaft, auch wenn er sich als solcher sieht.

Die Hinrichtungsszene S. 414ff ist wirklich makaber, aber wahrscheinlich gar nicht mal so weit von der Realität entfernt…

Gut gefallen hat mir die Respektlosigkeit gegenüber den englischen/irischen Königen auf S. 447/8. Mit ‘Georg dem Kurfürsten’ wird wohl Georg III. gemeint sein, mit der ‘Germanenlackel’ entweder Georg IV. oder William IV., mit der ‘blähsüchtigen alten Vettel’ Königin Victoria und mit ‘Edward der Friedensstifter König Edward VII. hehehe…

Noch einige Verständnisfragen:
– Wer ist der ominöse Bürger?
– Was hat es mit den Henkersbriefen auf sich? Sind es Geständnisse von Personen, die diesen ‘Beruf’ mal ausgeübt haben? Und war das damals geheim um sie zu schützen?